Ich traue meinen Augen nicht, als ich heute morgen aus dem Fenster schaue: Da erstrahlt im herrlichsten Morgenlicht der schneebedeckte Fujiama. In der Ferne ragt der Vulkan 3776 Meter majestätisch aus dem Betonmeer empor. Ein neuer Tag in Tokio.

Tokio Airport. 7,4 Grad zeigt das Digitalthermometer am Flughafen an diesem Februartag. Der Wärmemesser besticht mit drei Stellen vor dem Komma – falls es mal über 100 Grad werden sollte. So ist er halt, der Japaner: präzise und weitsichtig.
Um 16:30 fährt der Bus in die Innenstadt. Weiss behandschuhte Helfer managen das Gepäck, wickeln den Transport ab, als ob man eine Weltreise antritt. Um 16:29 nimmt der Bus seine vorgesehen Position vor der Ankunftshalle ein, um anschließend auf die Sekunde genau loszufahren. Reiseziel Innenstadt. Während die Türen schließen verbeugen sich die Helfer mit einem tiefen Diener und wünschen Gute Fahrt. Ich bin wieder in Tokio.
Alles geht schnell in Nippon. 130 Millionen Japaner kennen nur ein Ziel: die Steigerung des Bruttosozialprodukts. In der S-Bahn sinken die Menschen vor Erschöpfung reihenweise in den Schlaf. Sobald aber die Tür aufgeht, springen sie auf den Bahnsteig und rennen los.
Der Japaner geht nämlich nicht, er joggt durch die Gegend. An den Bahnhöfen zur Rushhour geht es zu wie bei einem Volksmarathon. Nicht selten sieht man auf Zebrastreifen Polizisten mit Trillerpfeiffen, welche die Volksmassen mit rhythmischen Pfeiftönen kurzer Frequenz über die Straßen hetzen.
Bewaffnet mit einem Plan der Japan Railway stürze ich mich in die Rushhour und scheitere naturgemäss am Fahrkartenautomaten. Japanischkenntnisse wären praktisch. Ein freundlicher Beamter hilft, die YEN in den richtigen Schlitz zu stecken. Danach jogge ich mit den tokioter Menschenmassen auf den Bahnsteig.
Erkennungsmelodien und Farben helfen, die richtige Bahn ausfindig zu machen. Jede Linie und jede Richtung hat offenbar eine besondere musikalische Note. Problematisch wird dieses „Erkennen Sie die Melodie?” nur, wenn mehrere Züge gleichzeitig einlaufen. Da braucht der Pendler schon gute Lauscher, um festzustellen, ob das eigene Ziel angeträllert wird.
Mein Ziel: Electronic City. Alles, was mit Elektronik zu tun hat, wird hier in Tausenden Shops feilgeboten. Technisch gesehen ist Japan Europa 5 Jahre voraus. Kein Lebensbereich, in dem nicht irgendwo ein Mikrochip verborgen ist! Die Japaner, ein technikbesessenes Volk! Der Hit dieses Jahr: Die Klobrille von Toshiba. (siehe Foto)

In Japan setzt man sich nämlich nicht so ohne weiteres aufs Klo. Jedenfalls nicht, ohne vorher die Gebrauchs- und Warnhinweise gelesen zu haben. Diese sind von Brille zu Brille recht unterschiedlich. Allen gemeinsam ist jedoch ein seitlich angebrachtes, elektronisches Steuerungstableau mit Sensoren, Schaltern, Leuchtdioden und einem obskuren Drehregler. Ausserdem erhält der Ausscheidungswillige mittels einer Schemazeichnung Aufschluss Über die korrekte Sitzhaltung am Abort.
Pech hat der Stuhlende, wenn die Warnhinweise nur auf japanisch die Innenseite des Klodeckels zieren. Dann heißt es, Morgentoilette auf gut Glück! Kaum lässt man sich nieder, kündigt ein leises Surren und hektisches Blinken der seitlich aufleuchtenden Warnsignale Ungemach an. Es gurgelt, es zirpt und man entwickelt wilde Fantasien, was alles schief gehen kann. Manchmal schiesst nämlich das Wasser auch von unten nach oben in diesen High-Tech - Scheisshäusern. Und dann heisst es nur noch: rette sich, wer kann…
Einkaufen macht bekanntlich hungrig. Also steuere ich eine Garküche an. Fachkundige Beratung tut hier Not. Doch Englisch? Fehlanzeige!
Ich entscheide mich für das, was die meisten hier essen und erhalte einen Napf folgenden Inhalts: halblebendiger Seeigel in einer Art Quallensud, garniert mit Seetank. Das alles wabert über einer gallertartigen Flüssigkeit, auf deren Grund einige Würmer schwimmen. Fremdartige Pilze, Zwiebelschalen und offenbar Küchenabfälle decken das Mal ab und verleihen der Komposition seine besondere Note. Gegessen wird diese suppenartige Mischung mit Stäbchen. Löffel sind in Japan unbekannt.
Ein Blick auf den Nachbarn verrät, wie diese Speise in den Magen gelangt: Der Kopf versinkt unter schlürfenden Geräuschen in dem riesigen Teller. Wie gut, dass der Seeigel keine Stachel mehr hat! Ich tue ihm gleich. Die Reste dieses Eintopfs werden mit den Stäbchen in den Rachen gekehrt. Endlich speisen wie die Einheimischen! Und so schlimm war es gar nicht. Mit einem Lappen wische ich mir die Speisereste aus dem Gesicht und trete den Heimweg an.
Fortsetzung folgt. —>MMNews

sehr schöner Bericht
war auch dort, hab das gleiche erlebt